TONGEBUNG
Ein Zusammenspiel aus BEWEGUNG und FLEXIBILITÄT
Beim
Erlernen des Geigenspiels wird all zu oft ein zu
großer Nachdruck auf die technische Entwicklung
der linken Hand gelegt. Obwohl Studierende ein
hohes Maß an Fertigkeit mit dieser Hand
erreichen, ist der produzierte Ton nicht immer
von gleicher Qualität. Die Bedeutung des
Bogenarms wird dabei oft unterschätzt, obwohl er
für den Streicher ebenso wichtig ist, wie der
Atem für den Sänger. Ist also die Bogenführung
unkontrolliert oder entsteht sie auf
unnatürliche Weise, leidet der Ton unter
fehlender Resonanz, Tiefe und Sonorität.
Schon von Beginn an ist die Bogenführung
wichtiger als die linke Hand. Bevor man nicht
einen klaren Ton bilden kann, ist es unmöglich
an anderen Dingen wie z. B. der Intonation zu
arbeiten.
Vor dem kontrollierten Einsatz des Geigenbogens
muss man also schon ein bestimmtes Wissen über -
und Verständnis für - jene Körperteile (inkl.
Muskeln) aufgebaut haben, die für die Führung
des Bogens über die Saiten verantwortlich sind.
Dazu gibt es bestimmte Techniken, wie z. B. die
"Alexander-Technik", und einzelne Übungen von "Pilates",
die ein größeres Körperbewusstsein ermöglichen
und die Entwicklung mitarbeitender Muskeln
unterstützen.
Streichern
muss bewusst sein, dass die Bewegung tonbildend
ist; sie setzt die Saiten in Schwingung.
Andererseits kann eine natürliche Bewegung nur
aufgrund eines ausgeglichenen Zusammenspiels von
Spannung und Entspannung entstehen. Dieses
Verhältnis von Spannung und Entspannung ist
notwendig, um einen musikalischen Klang
hervorbringen zu können. Es ist diese Balance,
die mit minimalem Aufwand erlaubt, jeden
Körperteil - also auch den Arm - in einer
Position zu halten. Bekannte Pädagogen
umschreiben dies auch mit der „Freiheit des
Armes zu schweben, als ob ihn ein Ballon in der
Luft halten würde.“
Ein gutes Beispiel, um die Bedeutung von
Bewegung zu zeigen, ist folgendes: Versucht man
mit Geige und Bogen bewegungslos in ein und
derselben Haltung zu verharren, wird es nicht
lange dauern, bis die Muskeln fest werden und zu
schmerzen beginnen. Eine fließende Bewegung ist
deshalb immer notwendig, um dadurch die
erforderliche Flexibilität und Ausdauer zu
erreichen.
Es ist diese Bewegungsfreiheit, die Streicher,
die sich ein bestimmtes Niveau der Technik der
rechten Hand erarbeitet haben, nach so genannten
Meisterbögen suchen lässt, da jene erlauben, das
gewünschte Klangbild zu realisieren und an die
Bedürfnisse der Musik anzupassen. Durch ihre
flexible Stange und besondere Biegung können
Kopf und Frosch dieser Bögen derart nachgeben,
dass ein Ton ohne viel Druck, sondern nur durch
einen Auf- oder Abstrich erzeugt werden kann.
Thomas M. Gerbeth schreibt in seinem Fachartikel
„Kopie or not Kopie“ (www.gerbeth.at): "... der
Ton ist groß, facettenreich und
modulationsfähig. Der Bogen übernimmt kleinste
Impulse des Musikers und reagiert spontan." Der
Bogen übernimmt viel "der Arbeit", man muss es
durch den richtigen Bewegungsablauf nur
zulassen.
Streicher müssen sich bewusst sein, dass es nur
eine durch Naturgesetze bestimmte Art gibt, den
Bogen zu führen. Die Geigentechnik hat sich
dabei im Laufe der letzten Jahrhunderte enorm
weiter entwickelt. So zeigt der Umschlag einer
sehr alten Auflage der Geigenschule "Nouvelle
méthode pour le violon" (1824) von Bartolomeo
Campagnoli (* 10. September 1751 in Cento di
Ferrara; † 6. November 1827 in Neustrelitz) noch
das Bild eines unglücklichen Geigers, dessen
rechter Arm an einen der Rockknöpfe festgebunden
ist. Heute wissen wir, dass beim Spielen nicht
ein Teil des Armes ruhig gestellt werden kann,
in Erwartung dadurch andere Teile locker und
frei zu halten. So würde z. B. die Isolierung
des Ellbogens bei gleichzeitiger Einschränkung
des Oberarmes in einer Versteifung des Armes
resultieren. Wesentlich kritischer aber ist der
Effekt im Klangbild.
Ein
Prinzip vieler Geigenschulen ist, dass der
Bogenstrich immer linear, parallel zum Steg
verlaufen muss. Der deutsche Wissenschaftler Dr.
Steinhausen war einer der Ersten, der die Idee
der “Geradlinigkeit beim Streichen“ anzweifelte.
Sein Buch “Die Physiologie der Bogenführung“
wurde erstmals 1903 herausgegeben. Er wollte
Musikern in diesem Buch beweisen, dass die
Bogenbewegung immer rund sein muss. Da die
meisten Streicher nicht genug von der Materie
verstanden, wurde dies lange Zeit ignoriert, was
Percival Hodgson in den 30er Jahren des 20.
Jahrhunderts veranlasste sein Buch “Motion Study
and Violin Bowing“ zu schreiben. Zuletzt wurde
dieses Buch von der "American String Teachers
Association" in 1984 herausgegeben. Dabei sind
die Ausführungen von Hodgson, wonach seiner
Überzeugung nach alle Bogenbewegungen im Wesen
“rund“ sind, sehr wichtig. Er war der Ansicht,
alle bekannten Geiger würden so rund streichen
und suchte nach einem Weg, um dies zu beweisen.
Den Strich lediglich zeichnerisch dar zu stellen
erschien ihm nicht aussagefähig genug, da dies
nicht als Beweis einer Bewegung als vielmehr
deren Auslegung angesehen werden könnte. Nach
vielen Versuchen fand er schließlich die Technik
des “Cyclegraphs“. Dabei handelt es sich um
photographische Aufzeichnungen der
zurückgelegten Strecke während der Bogenführung.
Hodgson konnte damit erstmals die tatsächliche
Bewegung während des Streichens beweisen (siehe
Seite 12 Abbildung 1 und 2).
In seinem Buch zeigt Hodgson wie man durch
bewusste Übungen diese runde Bogenführung
erlernen kann und sollen die Übungen 1 und 2
verdeutlichen.
Diese Übungen führen zu einer viel freieren
Bogenführung, wodurch auch ein wesentlich
schöneres Legato möglich wird. Es stellt sich
beim Bogen ein Gefühl der "Endlosigkeit" ein. Da
an den jeweiligen Bogenenden die natürliche
Energie endet, muss der Streicher z. B. bei
einem Abstrich die letzten Zentimeter zur Spitze
hin gebrauchen, um “in einer leicht runden
Bewegung“ die Hand und die Finger für den
Aufstrich vorzubereiten (siehe Seite 12, Abb.2).
Es entsteht das Gefühl die Länge des Bogens
dehnen zu können und so bleibt die Energie und
Kontinuität im Strich erhalten. Die Flexibilität
an der Spitze, die wirkliche “Meisterbögen“
auszeichnet, gibt den Streichern das Gefühl den
Ton endlos spinnen zu können.
Mehr Bogenkontrolle vermittelt dem Streicher
viel mehr Sicherheit. Bei Nervosität, und
dadurch unsicheren oder undeutlichen Passagen,
wird die Schuld oft bei der linken Hand gesucht.
Vielfach ist jedoch eine bis dahin unentdeckte
Schwäche in der Bogenführung dafür
verantwortlich. Ist der rechte Arm in Balance
und in natürlicher und flexibler Bewegung, gibt
dies sofort Sicherheit in der linken Hand.
Hodgson schreibt dazu in seinem Buch:" Ich
versichere jedem nervösen Spieler, dass die
Kontrolle hauptsächlich in der rechten Hand
ist."
Diese Ausführungen können nur einen Anstoß zu
diesem wichtigen Thema darstellen, die
vollständige Erläuterung aller Einzelheiten wäre
zu umfangreich.
Hartmut Ometzberger, Wien
(www.violinist.at)
Hodgson, Percival: Motion Study and Violin
Bowing, American String Teachers Associations,
1958
(ISBN-13: 978-0318181127)
Alcantara, Pedro de: Alexander-Technik für
Musiker. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2002 (ISBN
3-7649-2443-8)
Steinhausen, F. A.: Die Physiologie der
Bogenführung. Leipzig 1903. (ISBN-13:
978-3761809358)